Glücksfall: Nebenjob als Lokführer

In Bocholt erfüllen sich Eisenbahnfans einen Jugendtraum: Ein kleiner Museumseisenbahnverein steigt ein ins private Güterverkehrsgeschäft, und vier Männer werden im Nebenjob Lokführer. Dort, wo für die Deutsche Bahn AG Schluss war, erwachte bei den Eisenbahnliebhabern die Leidenschaft!

von Boris Baumholt

Eigentlich hat Guido Lohscheller bereits Feierabend. Es ist 3 Uhr nachmittags und sein Frühdienst beim Bundesgrenzschutz ist vorbei. Doch der 35-Jährige wechselt nur die Dienstkleidung, denn jetzt beginnt sein Zweitjob. Und der ist für ihn keine Arbeit, sondern pure Leidenschaft.

Seit seiner Kindheit träumt Guido Lohscheller von der Eisenbahn: „Als Kind irgendwann hat es mich gepackt. Wir wohnten in der Nähe des Bahnhofes und ich sah die Züge fahren. Ich stand dann auch bald davor und habe mir die angeguckt und das hat mich irgendwie fasziniert.

Früher hat er nur zugeschaut, jetzt darf er selbst auf die Lok steigen. Guido Lohscheller ist im Nebenberuf Geschäftsführer der Bocholter Eisenbahngesellschaft. Zusammen mit drei Freunden hat er die kleine Firma gegründet. Alle sind sie Eisenbahnliebhaber und seit Jahren im lokalen Museumsverein aktiv.

Die alte Diesellok aus dem Jahr 1958 gehört dem Museumsverein. Auf den städtischen Gleisen durften sie damit an Wochenenden ein bisschen hin- und herfahren. Jetzt machen die Eisenbahnfreunde das nicht mehr nur zum Spaß. Sie haben ein Ziel: Sie wollen mithelfen, den Güterverkehr zurück nach Bocholt zu holen. Denn seit Jahren fahren auf den dortigen Gleisen keine Güterzüge mehr.

Manfred Pietschmann von der Deutschen Bahn AG erklärt, warum: „Die Bahn ist ein Verkehrsunternehmen, was hoch kapitalintensiv ist, mit hohem Fixkostenanteil. Und deswegen lässt sich Bahnverkehr, ganz besonders auch im Güterverkehr, nur betriebswirtschaftlich darstellen, wenn Mengen da sind, mit denen Geld verdient werden kann.“

Doch jetzt kommen die Mengen allerdings wieder nach Bocholt zurück – per Güterzug. So rollt einmal pro Woche ein 1.000 Tonnen schwerer Koloss, beladen mit Alkohol-Mixgetränken aus Italien, in den ehemaligen Bocholter Güterbahnhof. Für die Deutsche Bahn endet hier die Fahrt des Flaschenzuges. Der Weitertransport bis zur Lagerhalle im Bocholter Industriegebiet war ihr zu teuer. Glück für die Eisenbahnfreunde:

Für die letzten fünf Kilometer durch Wald und Wiesen sind sie jetzt dran. Für die Deutsche Bahn wäre der Aufwand zu groß, denn immer wieder müssen die Waggons auf dieser Strecke rangiert werden. Für diesen Job ist die kleine Eisenbahngesellschaft flexibler und billiger. Guido Lohscheller koppelt die Waggons an. Anschließend schleppt er den Zug mit der alten Diesellok weiter. Die Eisenbahnfreunde sind froh, dass sie im großen Güterverkehrsgeschäft mitmischen dürfen. Ihr Aufraggeber, das Logistikunternehmen Fiege, hatte zuerst Bedenken, gab ihnen dann aber grünes Licht.

Guido Lohscheller erinnert sich: „Hier gab es schon einige skeptische Gesichter als man uns gesehen hat und wir uns als Museumseisenbahner vorgestellt haben. Aber ich glaube, ich kann wohl sagen, dass das direkt mit dem ersten Zug erledigt war, denn da haben sich dann doch alle gefreut.“

Künftig Fahrt bis nach Wesel? Der Vorteil der kleinen Eisenbahngesellschaft: Sie macht den Transportjob fast zum Selbstkostenpreis. Rechnen tut sich das Geschäft noch nicht. Guido Lohscheller: „Also im Moment kann man sagen, dass wir eine schwarze Null fahren mit dem Verkehr. Aber wir sehen das als einen Einstieg für die Zukunft. Wir möchten natürlich gerne andere Kunden für uns akquirieren, für das Verkehrsmittel Eisenbahn überhaupt, und wir treffen gerade die dementsprechenden Vorbereitungen.“ Künftig sollen die Strecken länger werden.

Es laufen bereits Verhandlungen, dass die Bocholter Eisenbahngesellschaft demnächst mit ihrer Lok bis Wesel fahren kann. Walter Brocks vom Auftraggeber Fiege erklärt, warum man dort mit den Jungunternehmern vollauf zufrieden ist: „Die Eisenbahnfreunde sind absolute Profis für uns, weil sie mit Herz und mit Enthusiasmus diesen Job machen und eine hundertprozentige Zuverlässigkeit bringen.“ So kann man sich beim Logistikunternehmen Fiege auch eine langfristige Zusammenarbeit vorstellen.

Spät am Abend macht Guido Lohscheller schließlich Schluss und übergibt den Steuerstand der Lok seinem Kollegen. Der wird in der Nacht die Waggons noch ein paar Mal rangieren. Am nächsten Morgen wird der leere Zug dann abgeholt. Da hat Guido Lohscheller bereits wieder Frühdienst beim Bundesgrenzschutz.

Doch irgendwann, so hofft er, arbeitet er nur noch bei der Eisenbahn.

© WDR, Sendung vom 12.Januar 2004

 

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