Michele Hoffmann bewegt als Lokführerin schwere Fracht

Hamminkeln. Wenn Michele Hoffmann den Schalter betätigt,
bewegen sich 1000 Tonnen. Das ist ungefähr das Gewicht der Ladung, die ein Zug
der Bocholter Eisenbahngesellschaft für den Fertigteil-Produzenten Max Bögl auf
die Schiene bringt. Und Michele Hoffmann ist als Lokführerin diejenige, die die
Betonsegmente für den Tunnelbau in Antwerpen am neuen Anschlussgleis des
Hamminkelner Produzenten abholt. Eine Frau im Führerstand eines Güterzuges, das
ist selten, weiß BEG-Geschäftsführer Guido Lohscheller.

Noch dazu hat Michele Hoffmann eine ungewöhnliche Karriere
hinter sich. Geboren wurde sie in der Lutherstadt Eisleben in Sachsen-Anhalt.
Nach dem Abitur ging sie zum Studium nach Halle. Musikwissenschaft, Philosophie
und Soziologie waren ihre Fächer. In der Zwischenprüfung in dem Hauptfach legte
sie eine Eins hin, doch wirklich sie zufrieden war sie mit dem Studium nicht,
erzählt die heute 33-Jährige. Es war nicht nur „eine brotlose Kunst“, sondern
auch eine unbefriedigende. „Man hat nur gelesen und nacherzählt“, erinnert sie
sich. Eigenständiges Arbeiten war nicht gefragt. Neben dem Studium fuhr sie noch
für einen Kurierdienst: Nach so einer Tour „wusste man, was man gemacht hat“.
Schließlich schmiss die junge Frau ihr Studium und nahm eine Festanstellung bei
dem Kurierdienst an. Allerdings war das angesichts der ausbeuterischen
Verhältnisse von 17 Arbeitsstunden täglich auch keine langfristige Lösung. Dann
stieß Hoffmann auf eine Anzeige zur Ausbildung von Lokführern.

Im Februar 2009 begann die zehnmonatige Ausbildung an der
Lokführer-Schule AWV in Leipzig. Es war „ganz schön stressig“, das Pensum in der
kurzen Zeit zu absolvieren. Aber ihr war schon nach kurzer Zeit klar, dass sie
im Güterverkehr bleiben wollte. Das führte sie am Ende der Schulzeit dann auch
zur BEG, wo sie ihr Praktikum absolvierte. Als sie sich dort anschließend für
einen festen Job bewarb, nahm Lohscheller sie mit Kusshand. „So eine Bewerbung
wie ihre habe ich in sieben Jahren nicht auf dem Tisch gehabt“, stellt er fest.
Und von seiner eigenen Ausbildung beim Bundesgrenzschutz weiß er, wie gut sich
Frauen in einem Männerjob behaupten können.

Das Rangieren kann eine ziemliche Rennerei bedeuten, erzählt
Hoffmann. Die Spitze des Zuges muss immer besetzt sein, deswegen wird zu zweit
rangiert. Die körperliche Anstrengung spielt sie herunter. Dabei ist die nicht
zu verachten, sagt Lohscheller. Wartungsarbeiten an der Lok oder das An- und
Abkuppeln gehören schließlich auch zum Job. Die junge Lokführerin liebt vor
allem das eigenständige Arbeiten. Zum Ausgleich gibt es „schwere Kost“: „Ich
lese trotzdem noch Kant und Nietzsche“, sagt die frühere Philosophie-Studentin.
Und sie spielt nebenbei in einer Heavy-Metal-Band.

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